Andachtsbuch von Ruth Goldschmidt im Stadtmuseum

Nach 80 Jahren von San Francisco zurück nach Hofgeismar

Ein zugleich materiell wie historisch unschätzbares Geschenk ging in diesen Tagen im Stadtmuseum Hofgeismar ein. Dessen Einband ist aus dunklem Leder und Elfenbein. Mit Messing eingefasste Elfenbeinschnitzereien schmücken den Buchdeckel, die Seiten sind mit Goldschnitt versehen. Das kostbare hebräisch-deutsche Andachtsbuch hat als Besonderheit einen deutschen Teil mit Gebeten für „Israelische Mädchen und Jungfrauen“. Es ist um 130 Jahre alt.

Der besondere Wert dieses Buches liegt jedoch in seiner Geschichte: Vor 80 Jahren packte die 13-jährige Ruth Goldschmidt dieses Buch in einen kleinen Koffer. Mit ihren Eltern und der Schwester musste sie am 21. März 1939 ihre Heimat Hofgeismar verlassen; sie flüchtete nach Amerika. War sie in diesem Moment erleichtert darüber, nach sieben Jahren der Ausgrenzung und Verfolgung durch die Hofgeismarer Nazis endlich zu entkommen? Oder war die Angst größer, nach langem, zermürbendem Warten auf die Ausreisepapiere im letzten Moment doch noch durch bürokratische Schikanen zurück gehalten zu werden?

„Gebet um himmlischen Trost in Zeiten der Not“ heißt eines der Gebete in dem Andachtsbuch. Es wird Ruth Trost und Kraft gespendet haben. Später mag es sie an die schöne Kinderzeit erinnert haben, als sie noch, umgeben von der Familie, den Freundinnen und Nachbarskindern, in der Hofgeismarer Petristraße aufwuchs. Das war bevor die Großmutter Johanna Löwy und die Eltern das Textilwarengeschäft aufgeben mussten und der Vater mehrfach von den Hofgeismarer Nazis misshandelt und schwer verletzt wurde.

Melinda Abeles, die Tochter von Ruth Goldschmidt, schenkte das Buch aus dem Nachlass ihrer im Februar 2006 verstorbenen Mutter an das Stadtmuseum mit den Worten:

„... Ich bin glücklich, dieses Buch an euer Museum geben zu können. Ich schicke es mit großem Dank für alles, was ihr getan habt, um die Erinnerung an diese Geschichte wach zu halten. Möge die Rückkehr dieses Buches und eure Arbeit helfen, den vielen aus ihrer Heimat gerissenen Familien von damals und auch von heute Frieden zu bringen.“

Das Geschenk des Andachtsbuches wurde durch die Spenderin ergänzt durch die originale „GREEN-CARD“ ihrer Mutter Ruth, jenem lebensrettenden Ausweis also der amerikanischen Einwanderungsbehörden, in dessen Besitz natürlich vor allem gefährdete deutsche Juden zu gelangen versuchten.

Museumsleiter Helmut Burmeister und die pädagogische Leiterin der Abteilung Judaica des Stadtmuseums Hofgeismar Julia Drinnenberg zeigten sich hoch erfreut, ein wichtiges Kapitel in der Geschichte der ehemaligen Hofgeismarer jüdischen Mitbürger nun durch zwei aussagekräftige Objekte belegen zu können.

Das Buch und der Ausweis werden einen Platz in der ständigen Ausstellung der Abteilung Judaica bekommen. Es sind Ausstellungsstücke, die eine besondere Geschichte erzählen - mehr als viele Worte es können. (nh)